Medizin
05. Februar 2025

Ganzheitliche Unterstützung vor und nach einer Hüft-Totalendoprothese

Lara Riemer

Die Behandlung und Genesung bei einer Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP) erfordern mehr als nur die Operation selbst. Wir setzen auf einen ganzheitlichen Ansatz, der Körper, Geist und Lebensstil berücksichtigt, um optimale Ergebnisse für unsere Patienten zu erzielen. In den herkömmlichen Nachbehandlungskonzepten wird auf Individualität keine Rücksicht genommen. Jede Reha sieht gleich aus - wenige Einzelbehandlungen, viele Gruppenbehandlungen und Vorträge, ohne Berücksichtigung der Wundheilungsphasen. Im Vorfeld wird meistens allgemeine Physiotherapie verschrieben, die aber leider eher oft passiv als aktiv für den Patienten durchgeführt wird. Im Folgenden möchten wir die Geschichte eines 55-jährigen Patienten teilen, der durch individuelle Betreuung und gezielte Maßnahmen vor und nach einer Hüft-TEP wieder schnell in sein Leben zurückgefunden hat.

1. Vorgeschichte und Ausgangssituation

Auf Grund einer angeborenen beidseitigen Hüftdysplasie und in Folge von starker mechanischer Beanspruchung als begeisterter Handballspieler von Kindheit bis zum Erwachsenenalter, kam es zu einer ausgeprägten Coxarthrose beidseits mit an Intensität und Dauer zunehmenden Arthritis-Schüben der linken Seite. In den letzten Monaten verschlechterte sich sein Zustand deutlich: Er musste zu dieser Zeit täglich starke Schmerzmittel nehmen, um seinen Arbeitsalltag zu bewältigen. Radiologisch zeigte sich zwar das rechte Hüftgelenk stärker verändert, aber auf Grund der deutlichen Beschwerdesymptomatik links wurde der Entschluss zur Hüft-TEP links gefasst.

2. Ziel

  • Schnellstmöglich wieder zurück in sein Alltags- und Berufsleben als niedergelassener Arzt
  • Schmerzlinderung
  • Wieder ambitioniert Skifahren zu können, seine Aktivurlaube und sportliche Aktivitäten wahrnehmen zu können

Für ihn war klar, dass eine normale ambulante oder stationäre Reha nicht in Frage kam. Er wünschte sich eine individuelle und auf ihn angepasste Nachsorge, in der er aktiv gefordert wird und nachhaltige Verbesserungen auch unter Berücksichtigung der ebenfalls geschädigten Gegenseite.

3. Ganzheitliche Anamnese: Mehr als nur die Hüfte

Im ausführlichen Erstgespräch wurde deutlich, dass der Patient in den letzten Jahren stark belastet war: Scheidung nach 25 Jahren Ehe, finanzielle Sorgen, eine schwierige Praxissituation in der eigenen Praxis und die alleinige Versorgung seiner Hunde. Körperlich zeigte sich eine ausgeprägte Kyphose der Brustwirbelsäule, eingeschränkte Beweglichkeit in Brust- und Halswirbelsäule sowie beidseitige Hüftkapselmuster. Er gab ebenfalls an arthrotische Veränderungen in der unteren HWS zu haben mit häufigen Schmerzen in diesem Bereich. Verstärkt wurden diese während der Arbeit bei speziellen Untersuchungen und im OP.

Die Ernährung war meist schnell und einseitig, was sich in erhöhten Cholesterinwerten und Stresssymptomen widerspiegelte. Auch Schlafprobleme, Grübeleien und Durchfälle waren präsent. Zum Ausgleich ging er täglich mit seinen Hunden spazieren, seine Urlaube verbrachte er durchweg aktiv, ob zum Bergsteigen oder Skifahren (Skilehrer).

4. Umfassende Diagnostik: Mängel erkennen, Risiken minimieren

Zur Vorbereitung auf die Operation veranlassten wir eine umfassende Labordiagnostik, um Mängel und Stressfaktoren zu identifizieren:

  • Mineralstoffe: Magnesium, Zink, Selen, Calcium, Q10, Bor – alle im unteren Referenzbereich
  • B12 und B6 im tiefen unteren Referenzbereich
  • Vitamin D3 (25-OH): suboptimal
  • Omega-3-Index: 6 % (Ziel >10 %)
  • Blutfette: erhöhtes LDL (Apo B, Lipoprotein a) – Risiko für Herz-Kreislauf
  • Entzündungsmarker: erhöhtes hsCRP
  • Blutzucker: HbA1c bei 6,1 % (erhöht)
  • Gesamteiweiß: suboptimal

Diese Ergebnisse lieferten die Grundlage für eine gezielte Anpassung von Lifestyle, Ernährung und Nährstofftherapie.

5. Therapie- und Unterstützungsstrategie

Vor der Operation lag der Fokus auf ganzheitlicher Unterstützung:

  • Aufklärung: Zusammenhänge und Labordaten erklärt, Duplex-Sonographie der Halsschlagadern veranlasst (kardiologische Mitbetreuung)
  • Bewegung: Kräftigung der Rumpfmuskulatur, Hüft- und Beinachsenstabilisatoren, Mobilitätsübungen für Hüfte und Wirbelsäule, Gangschule
  • Atem- & Nervensystem: Atemübungen, Entspannungstechniken, Schlafhygiene, Unterstützung durch Melatonin
  • Ernährung & Nährstoffe: Regelmäßige Mahlzeiten, erhöhter Eiweißkonsum (1,5 g/kg), entzündungshemmende Ernährung, Verzicht auf Schweinefleisch
  • Nährstoffe wurden ergänzt und Mängel gezielt aufgebaut:

1. Vitamin D3 + K2: Für eine bessere Calciumaufnahme und Knochengesundheit.

2. Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA): Zur Reduktion von Entzündungen und Unterstützung des Heilungsprozesses.

3. Mineralstoffe: Magnesium, Zink, Selen und Bor (diese Mineralstoffe unterstützen die Muskel- und Knochenregeneration)

4. B-Vitamine: Für das Nervensystem, die Heilung und Regeneration

5. Kollagen: Für den Band- und Sehnenapparat.

6. Kreatin: Zur Unterstützung der Muskelkraft und Regeneration.

  • Vorbereitung für den Krankenhausaufenthalt: Stützenhandling und Treppensteigen geübt, Leitfaden für die Mobilisation direkt nach der OP besprochen

6. Nach der Operation: Schritt für Schritt zurück in die Bewegung und Lebensfreude

Nach der OP ist die Rehabilitation unter Berücksichtigung der Wundheilungsphasen entscheidend. Um bestmöglich wieder mobil, schmerzfrei und aktiv zu werden sind dies die wichtigsten Maßnahmen, die wir umgesetzt haben:

Frühzeitige Mobilisation im Krankenhaus

  • Physiotherapeutische Betreuung: Bereits im Krankenhaus wurde der Patient durch gezielte Übungen unterstützt, um die Beweglichkeit zu fördern und die Muskulatur zu aktivieren.
  • Übungen im Bett: Sanfte Mobilisationsübungen wie Hüftabduktion, Flexion und Extension wurden im Liegen durchgeführt, um die Gelenke behutsam zu mobilisieren, ohne den Schmerz zu verstärken. Es wurden lieber 5-10 Minuten trainiert, dafür über den Tag verteilt mehrere Einheiten.
  • Gangschule: Mit Unterstützung von Gehhilfen wurde in kurzen Trainingssequenzen auf dem Flur das Gehen geübt, um den sicheren Gang zu trainieren. Treppensteigen wurde schrittweise eingeführt, um die Koordination und Kraft zu verbessern. Wichtig ist, das Gewebe nicht zu überfordern. Auch hier galt lieber: 5-10 Minuten Training, dafür über den Tag verteilt mehrere Einheiten.
  • Kühlung: Kurze Eisanwendungen (max. 5 Minuten) helfen, Schmerzen und Schwellungen zu reduzieren.
  • Entspannungstechniken: Meditation, Atemübungen und Visualisierung halfen, Ängste abzubauen, den Heilungsprozess positiv zu beeinflussen und den Schlaf zu verbessern.

Physikalische Therapien und spezielle Maßnahmen in der Praxis

  • Bei allen Maßnahmen haben wir vor allem in Übungsauswahl und Intensität den Verlauf der Wundheilung berücksichtigt, um den Körper in seinem natürlichen Heilungsverlauf bestmöglich zu unterstützen.
  • Lymphdrainage, Kinesiotapes und manuelle Therapien: Zur Unterstützung des Lymphflusses und zur Schmerzlinderung wurden manuelle Techniken eingesetzt.
  • Elektro-, Fango-, Ultraschall- und Kryotherapie: Diese Therapien halfen, Entzündungen zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und die Durchblutung zu fördern.
  • Magnetfeldtherapie: Tägliche Anwendungen unterstützten die Wundheilung und Regeneration.
  • Bewegungsbäder: Diese Therapie unterstützte mit Hilfe der Auftriebskraft und geringer Belastung die Beweglichkeit wieder herzustellen und dem Patienten Sicherheit zu vermitteln. Die Gelenke werden entlastet, der Muskelaufbau wird jedoch in Ausdauer und Kraft unterstützt.
  • Gangschulungen und gerätegestütztes Training: Ab der dritten Woche nach der OP wurden gezielt Geräte wie Beinpresse, Extensions-Rückentrainer, Seilzug, Abduktoren- und Beinbeuger eingesetzt, um Kraft und Stabilität wieder aufzubauen.

Ernährung und Nährstofftherapie nach der OP

  • Eiweißreiche Ernährung: Der Eiweißkonsum wurde auf 2,0–2,5 g pro kg Körpergewicht erhöht, um die Wundheilung, den Muskelaufbau und die Regeneration zu unterstützen.
  • Entzündungshemmende Ernährung: Weiterhin wurde auf eine entzündungshemmende Kost geachtet, ballaststoff- und nährstoffreich
  • Nährstoffergänzungen wurden weiterhin angepasst
  • Infusionen: zur Unterstützung der Wundheilung und nach einem starken Blutverlust in der OP und dem daraus folgenden Abfall des Ferritinwertes haben wir ebenfalls mit Eiseninfusionen unterstützt
  • Flüssigkeitszufuhr: Über 2,5 Liter täglich, um die Heilung zu optimieren.
  • Verzicht auf Alkohol: Um den Heilungsprozess nicht negativ zu beeinträchtigen.

Mentale Unterstützung und Schmerzmanagement

  • Meditation und Visualisierung: Zur Förderung der mentalen Heilung und Stressreduktion.
  • Schlafhygiene: Feste Schlafzeiten, Reduktion von Blaulicht am Abend, Melatonin Einnahme 0,5 g/Tag

7. Erfolge – Welche Veränderungen wurden erzielt?

Der Patient hatte schon seine ersten Erfolge vor der Operation. Die Mobilität der Wirbelsäule wurde besser und seine Probleme mit der HWS reduzierten sich. Weitere Erfolge konnte er während des Krankenhausaufenthalts erzielen, denn dort konnte er sich sehr früh eigenständig mobilisieren.

Die Nachsorge zeigte tägliche Verbesserungen, so dass wir täglich die Eigenübungen individuell anpassen konnten.

  • Wiederaufnahme der Arbeit und Mobilität: Fünf Wochen nach OP konnte der Patient wieder normal ganztägig in seiner Praxis arbeiten. Er benötigte beim Gehen und Treppensteigen keine Stützen mehr.
  • Ärztliches Feedback: Der Operateur zeigte sich sehr zufrieden mit dem Heilungsverlauf und der Funktionalität der neuen Hüfte.
  • Blutwerte und Nährstoffstatus:

Eine erneute Blutanalyse zeigt eine Verbesserung der zuvor pathologischen Werte. Die nach der OP durch den relevanten Blutverlust deutlich abgefallenen Hämoglobin- und Ferritinwerte konnten wir unter anderem durch Eisen-Infusionen erfreulich schnell auf Normalwerte regulieren.

  • Mineralstoffe und Vitamine:
    • Magnesium, Zink, Selen, Calcium, Q10 (Coenzym Q10) und Bor zeigten deutliche Verbesserungen.
    • Vitamin D3 (25-OH) erreichte ein gutes Niveau, dadurch auch Normalisierung des Calciumspiegels
    • Omega-3-Index Verbesserung auf 10,5 %
    • Die B Vitamine lagen nun im oberen Normbereich
  • Kardiovaskuläre Risikofaktoren:
    • In der durchgeführten kardiologischen Abklärung zeigte sich eine nicht strömungsrelevante einseitige Carotisstenose. Unter Berücksichtigung Lp a und Apo B Erhöhung wurde eine Statintherapie eingeleitet.
    • Der hsCRP-Wert lag nun < 0,5 mg/l, was nun für eine niedrige Entzündungsaktivität spricht.
  • Allgemeine Gesundheit:
    • Das Gesamteiweiß im Blut war im Normbereich, was auf eine gute Eiweißaufnahme schließen lässt.
    • Der HbA1c-Wert wurde auf 5,8 % verbessert; weitere Optimierungen sind geplant.
  • Patientenzufriedenheit und Schmerzreduktion: Der Patient ist sehr zufrieden mit seiner Heilung und der Funktion der neuen Hüfte. Besonders bemerkenswert ist die schnelle Wiederaufnahme seiner beruflichen Tätigkeit. Nach 6 Monaten stand er, nach ärztlicher Absprache, das erste Mal wieder erfolgreich auf den Ski und hat von einer sicheren Stabilität berichtet. Durch die Schmerzfreiheit seien ihm vor allem die Rechtskurven bei hohem Tempo deutlich leichter gefallen als vor der OP. Rückblickend sagt er, er hätte die OP früher angehen sollen.

8. Fazit

Durch die frühzeitige Vorbereitung auf ganzheitlicher Ebene (Ernährung, Lifestyle, Mindset, Kraft- und Mobilitytraining, sowie Behebung von Nährstoffdefiziten) konnte eine optimale Grundlage für eine erfolgreiche Operation geschaffen werden.

Während der Rehabilitation lag der Fokus in der ersten Phase auf Regeneration, Abschwellung und sanfter Mobilisation. In der zweiten Phase nahmen wir individuell angepasste und zunehmend intensivere Maßnahmen in Mobilisation und Trainingstherapie mit auf. Durch zusätzliche Infusionstherapien konnte die Wundheilung optimal unterstützt werden.

Nach Wiederaufnahme der Arbeit haben wir uns 2-3 x wöchentlich weiterhin um den Funktionsaufbau der linken Hüfte und Erhalt der Beweglichkeit der rechten Hüfte gekümmert. Damit war bis heute noch keine Operation der rechten Seite notwendig.

Lara Riemer
Lara Riemer

Ich wollte immer die Ursachen von Beschwerden verstehen – und genau das hat mir die Ausbildung ermöglicht. Ich habe gelernt, Symptome nicht isoliert zu betrachten, sondern funktionelle Zusammenhänge und Nährstoffmängel zu erkennen. Heute ergänze ich meine physiotherapeutische Arbeit durch fundierte Diagnostik, Blutwertanalysen und evidenzbasierte Empfehlungen. Dadurch kann ich meine KlientInnen nicht nur in der Praxis besser behandeln, sondern auch ortsunabhängig online begleiten – und so mein Wirkungsfeld und Einkommen erweitern.

Sein Motto: 
Christian Kirchhoff
Christian Kirchhoff

Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

Dominik Klug
Christian Kirchhoff

Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

Thiemo Osterhaus
Christian Kirchhoff

Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

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