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Mentale Gesundheit
19. April 2023

Was du bei chronischen Schmerzen unbedingt beachten musst

Vanessa Heun

Akute Schmerzen z.B. durch Verletzungen kennt jeder - und wir wissen auch, dass diese Art von Schmerzen oft von kurzer Dauer sind und ein Heilungsprozess einsetzen sowie die Schmerzen abklingen werden. Was ist aber, wenn der Schmerz bleibt? Wenn infolge einer Verletzung oder Ähnlichem der Schmerz nicht mehr abklingt? Wenn die Schmerzen chronisch werden?

Was sind chronische Schmerzen?

Damit Schmerzen zu chronischen Schmerzen werden, müssen die Symptome länger als drei Monate andauern und die eigentliche Ursache der Schmerzen muss abgeheilt sein.

Warum es zu chronischen Schmerzen kommt, ist immer noch nicht gänzlich geklärt. Die Schmerzforschung geht jedoch davon aus, dass sie oft Folge eines “überempfindlich gewordenen Nervensystems” sind. Überempfindlich heißt hier, dass sich ein so genanntes Schmerzgedächtnis ausgebildet hat. Das Schmerzgedächtnis vergleicht den akuten Schmerz mit gespeicherten Schmerzerfahrungen und nimmt daraufhin eine Bewertung vor. An dieser Stelle scheint bei chronischen Schmerzen etwas schief zu laufen: wird ein Informationsweg über eine Synapse, also die Verbindung zweier Nervenköpfchen häufig verwendet (z.B. bei anhaltendem Schmerz), verändert sich diese Synapse: sie wird größer und die Übertragung funktioniert effektiver. Es entsteht eine “Spur” im schmerzverarbeitenden System. Neurowissenschaftler bezeichnen diesen Vorgang als Langzeitpotenzierung. Eine Schlüsselrolle spielen dabei Calcium-Ionen, die den Umbau der Synapse steuern. Die Spur setzt sich bis ins Gehirn fort und kann mit modernen bildgebenden Verfahren sichtbar gemacht werden. Das Schmerzgedächtnis ist entstanden. So können nach 3 – 6 Monaten aus akuten Schmerzen chronische Schmerzen werden. Diese lösen sich dann oft von ihrer ursprünglichen Quelle und auch ohne Reiz erfolgt ein Signal an das Gehirn.

Die häufigsten Formen chronischer Schmerzen sind Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne, Gelenkschmerzen sowie das Fibromyalgiesyndrom. Letzteres ist eine chronische Schmerzerkrankung, die sich durch Schmerzen in verschiedenen Körperregionen äußert. Die Schmerzen können auf der Haut, in den Muskeln und Gelenken spürbar sein und sind, wenn überhaupt, (bisher) nur schwierig zu therapieren.

Auch das komplexe regionale Schmerzsyndrom (engl. Complex Regional Pain Syndrome (CRPS)) ist ein chronischer neuropathischer Schmerz. Dieser folgt auf eine Weichteil- , Knochenverletzung oder eine Nervenschädigung und ist langanhaltender und stärker als es nach dem ursprünglichen Gewebeschaden zu erwarten wäre.
Das sind jedoch sehr extreme Beispiele der chronischen Schmerzen. Typischer sind Dinge wie Rückenschmerzen oder Migräne.

Unter chronischen Schmerzen zu leiden, schränkt die Betroffenen nicht nur massiv im Alltag ein, sondern kann sich auch auf ihre psychische Verfassung auswirken. Die Schmerzen sind ein ständiger Stressor für den Körper, das heißt, dass auch die HPA-Achse in chronischer Überaktivierung ist. Anspannung, Ängste, soziale Isolation aber auch Störungsbilder aus dem depressiven Formenkreis sind nicht selten die Folge. Der Schmerz drängt sich in den Mittelpunkt des Lebens und verdrängt dadurch alle anderen (freudebringenden) Dinge.

Wie kannst du als Coach oder Trainer mit Schmerzpatienten umgehen?

Ein Ansatzpunkt bei der Zusammenarbeit mit chronischen Schmerzpatienten ist der Perspektivwechsel. Dadurch soll der Erhalt der Selbstständigkeit und damit auch die Stärkung der Selbstwirksamkeit unterstützt werden. Die Kunst besteht darin, den Schmerz als Teil des Lebens anzunehmen, ihm aber nicht die Macht über die gesamte Fülle aller Lebensbereiche zu geben. Nicht jeder Betroffene schafft diesen Perspektivwechsel allein und sucht sich deshalb Hilfe, zum Beispiel in Form eines Coachings.

Doch wie gehe ich als Coach oder Trainer mit einem solchen Menschen um? Zu viel Fürsorge löst meist das Gefühl von Bemitleidung aus, keine Rücksichtnahme ist jedoch auch kein geeigneter Umgang. Das Mittelmaß zwischen Anteilnahme und Motivation zu finden, ist hier sehr wichtig. Trete in den Austausch mit deinem Coachee und frage gezielt nach seinen bzw. ihren Wünschen, Zielen und Grenzen. Wie viel Unterstützung wünscht er oder sie sich von dir? Wo sollte gepusht und wo ein Gang zurückgeschaltet werden? Klare Kommunikation und aktives Zuhören sind die Basis einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Die Einführung eines Schmerztagebuchs kann helfen, bestimmte Trigger für die chronischen Schmerzen zu identifizieren und diese dann gezielt im Alltag zu reduzieren. Auch hier kannst du mit gemeinsamer Reflexion und ggf. einer Anpassung des Coachingplanes unterstützen. Das Zauberwort lautet wie an so vielen Stellen: Stress!

Besonders neuropathische Schmerzen, die also auf das Nervenzentrum zurückzuführen sind, reagieren auf das Stresslevel. Denn Stress bedeutet einen Spannungszustand für den Körper – die zuvor gereizten Nerven reagieren dann also erst recht empfindlich. Stressmanagement bewusst mit in die Zusammenarbeit aufzunehmen, kann also nur von Vorteil sein. Ein geregelter Tag-Nacht-Rhythmus, die Optimierung des Schlafs, eine antientzündliche Ernährung und die immer wieder bewusste Aktivierung des parasympathischen Nervensystems durch Atemübungen oder andere Entspannungstechniken kann kleine Wunder bewirken. Dies kann sich zusätzlich positiv auf andere Körperstellen auswirken, die vielleicht aufgrund einer Schonhaltung ebenfalls anfangen, Probleme zu machen.

Das Implementieren all dieser Dinge nützt jedoch wenig, wenn der Coachee dem chronischen Schmerz weiterhin das Rampenlicht gibt. Deine Aufgabe als Coach oder Trainer ist es deshalb auch, gezielt Ablenkung zu schaffen.
Statt zu fragen “Was klappt denn nicht mehr?”, richte mit deinem Coachee lieber den Fokus auf das, was erhalten geblieben ist. Vielleicht ist der Wegbruch eines Hobbies auch die Möglichkeit, neuen Dingen die Tür zu öffnen. Motiviere dazu, Neues auszuprobieren und auch in den Austausch mit anderen Betroffenen zu gehen.

Worauf wartest du noch?

Auch beim Thema chronische Schmerzen zeigt sich, dass ein Coaching nur mit einem ganzheitlichen Ansatz erfolgreich sein kann. Lediglich an einer Stellschraube im Zahnrad zu drehen, wird auf Dauer nicht zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen. Für langfristige und vor allem nachhaltige Erfolge solltest du als Coach, Trainer oder Berater deshalb ein ganzheitliches Verständnis besitzen in allen relevanten Themen: Ernährung, Training, Psychologie und Medizin.
Wenn du in diesen Bereichen noch dazu lernen möchtest und dich mit Gleichgesinnten in einer stetig wachsenden Community austauschen möchtest, dann schau gerne bei uns in der Medletics Academy vorbei kannst du dir ein erstes Beratungsgespräch buchen, damit wir gemeinsam besprechen können, ob unsere Ausbildung zum Health Coach für dich geeignet wäre.

Wir freuen uns, dich und deine individuellen Herausforderungen kennenzulernen! Gemeinsam können wir bei Bedarf selbst komplexe Probleme deiner Klienten lösen.

Vanessa Heun
Vanessa Heun

Als Psychologin, die sich auf die Arbeit mit Schmerzpatienten spezialisiert hat, bringt Vanessa ein umfassendes Wissen in den Bereichen mentale Gesundheit, Resilienz, Stressmanagement und Kommunikation ein. Ihre Erkenntnisse aus dem klinischen Alltag bereichern ihr Fachgebiet mit praktischen und tiefgreifenden Einsichten.

Sein Motto: 
Christian Kirchhoff
Christian Kirchhoff

Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

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Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

Quellen:

  1. Apkarian, A. V., Hashmi, J. A. & Baliki, M. N. (2011). Pain and the brain: specificity and plasticity of the brain in clinical chronic pain. Pain 152, S49–64
  2. Flor, H. (2012). New developments in the understanding and management of persistent pain. Curr Opin Psychiatry 25, 109–113
  3. Sandkühler, J. & Lee, J. (2013). How to erase memory traces of pain and fear. Trends in Neurosciences doi:10.1016/j.tins.2013.03.004

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