Research Insights: Hochdosiertes Magnesium zur Migräne-Prophylaxe

Migräne ist eine komplexe neurovaskuläre Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Zahlreiche Studien zeigen, dass Migränepatienten häufig niedrigere Magnesiumspiegel im Serum und im Gehirn aufweisen als gesunde Personen (Al Alawi et al., 2018). Diese Übersicht fasst die Evidenz zur prophylaktischen Wirkung einer hochdosierten Magnesium-Supplementierung zusammen.
Wichtige Fakten
- Evidenzgrad: Hoch. Magnesium wird in Leitlinien (z. B. DGN, American Academy of Neurology) als evidenzbasierte Option zur Migräneprophylaxe (Level B) eingestuft (Micke et al., 2020).
- Studienlage: Meta-Analysen bestätigen, dass orales Magnesium signifikant wirksamer als Placebo ist und die Häufigkeit von Migräneanfällen reduzieren kann (Schwalfenberg & Genuis, 2017).
Zentrale Ergebnisse
- Anfallshäufigkeit: In relevanten Studien (z. B. mit 600 mg Magnesiumdicitrat) konnte die Häufigkeit der Migräneattacken signifikant reduziert werden (oft um > 40 %, vergleichbar mit einigen Medikamenten) (Micke et al., 2020).
- Intensität & Dauer: Neben der Frequenz zeigte sich auch eine Reduktion der Schwere der Attacken und der Dauer der einzelnen Episoden.
Möglicher Wirkmechanismus Magnesium wirkt als „natürlicher Kalziumkanalblocker“ und reguliert die Spannung der Blutgefäße im Gehirn (Verhinderung von Vasospasmen). Der wichtigste Mechanismus ist jedoch die Blockade von NMDA-Rezeptoren. Ein Magnesiummangel führt zu einer Übererregbarkeit dieser Rezeptoren, was die Schmerzweiterleitung und die kortikale Depression begünstigt. Durch die Supplementierung wird die Reizschwelle der Nervenzellen stabilisiert und die Freisetzung von Schmerzbotenstoffen (wie Substanz P) gehemmt (Al Alawi et al., 2018; Micke et al., 2020).
Wichtige Einschränkungen / Limitationen
- Nebenwirkungen: Die therapeutisch notwendigen hohen Dosen führen bei vielen Patienten zu gastrointestinalen Problemen, insbesondere Durchfall (ca. 18,6 % in manchen Studien), was die Adhärenz einschränken kann (Micke et al., 2020).
- Praxisrelevante Ergänzung: Die Verträglichkeit hängt stark von der verwendeten Magnesiumform ab. Anorganische Salze oder minderwertige Präparate führen deutlich häufiger zu Durchfall. In der klinischen Erfahrung werden organische oder komplexierte Formen (z. B. Glycinat-, Bisglycinat- oder Mehrfachkomplexe) oft deutlich besser vertragen; selbst bei höheren Dosierungen.
- Auch die Qualität des Präparats spielt eine Rolle: Hochwertige Produkte mit definierten Chelatbindungen sind häufig besser verträglich als günstige Monopräparate.
- Zeitfaktor: Der Effekt tritt nicht sofort ein. Magnesium ist keine Akuttherapie, sondern benötigt Wochen, um die intrazellulären Speicher im Gehirn aufzufüllen.
- Für intravenös verabreichtes Magnesium existieren Hinweise auf akute Effekte, insbesondere in spezialisierten klinischen Settings. Die Datenlage hierzu ist jedoch weniger konsistent als für die orale Prophylaxe.
- Diagnostische Lücke: Ein wichtiger Punkt in der Praxis ist, dass der übliche Serum-Magnesiumwert nur etwa 1 % des gesamten Körpermagnesiums widerspiegelt. Der Großteil befindet sich intrazellulär – unter anderem im Nervengewebe und Gehirn. Das bedeutet: Ein „normaler“ Blutwert schließt einen funktionellen oder zerebralen Magnesiummangel nicht zuverlässig aus. Deshalb kann ein therapeutischer Versuch mit Magnesium auch dann sinnvoll sein, wenn Laborwerte unauffällig sind (Micke et al., 2020).
Dosierung & Anwendung
- Dosierung: Die effektive Dosis in Studien und Leitlinien liegt meist bei 600 mg elementarem Magnesium pro Tag (Langhorst & Krenner, 2026; Micke et al., 2020).
- Erfahrungsmedizinisch zeigt sich jedoch, dass einige Patienten individuell auch von höheren Dosierungen profitieren; teils bis 800–1.000 mg/Tag oder mehr, sofern die Verträglichkeit gegeben ist.
- Einnahmedauer: Mindestens 3 Monate, um die prophylaktische Wirkung beurteilen zu können (Micke et al., 2020).
- Anwendung: Die Aufteilung der Tagesdosis (z. B. morgens/abends) wird häufig empfohlen, um die Verträglichkeit zu verbessern.
- Praxisrelevante Einordnung: Bei hochwertigen, gut verträglichen Magnesiumformen ist die strikte Aufteilung oft weniger entscheidend. Manche Patienten tolerieren auch eine einmalige Tagesdosis problemlos.
- Formen: Während Studien häufig Magnesiumcitrat oder Magnesiumoxid untersuchen, zeigen sich in der Praxis vor allem organische oder komplexierte Formen (z. B. Glycinat-, Bisglycinat- oder Mehrfachkomplexe) als sinnvoll. Diese werden von vielen Patient:innen auch in höheren Dosierungen besser toleriert und führen seltener zu gastrointestinalen Nebenwirkungen
Fazit für die Praxis
Hochdosiertes Magnesium (600 mg/Tag) ist eine wissenschaftlich gut belegte Option zur Migräne-Prophylaxe. Entscheidend für den Erfolg ist das Framing gegenüber dem Patienten: Es handelt sich nicht um ein Akut-Schmerzmittel, sondern um eine pharmakologische Intervention zur Stabilisierung der Reizschwelle. Ein Therapieversuch ist auch bei normwertigen Serumspiegeln gerechtfertigt, da Magnesium im Blut (< 1 % des Gesamtkörperbestands) die Gewebesituation im Gehirn oft nicht abbildet.
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Al Alawi, A. M., Majoni, S. W., & Falhammar, H. (2018). Magnesium and Human Health: Perspectives and Research Directions. International journal of endocrinology, 2018, 9041694. https://doi.org/10.1155/2018/9041694
Langhorst, J., & Krenner, L. (Hrsg.). (2026). Praxis der Integrativen Medizin: Evidenzbasierte klinische Anwendung. Springer-Verlag
Micke, O., Vormann, J., Classen, H. G., & Kisters, K. (2020). Magnesium: Bedeutung für die hausärztliche Praxis – Positionspapier der Gesellschaft für Magnesium-Forschung e. V [Magnesium: Relevance for general practitioners - a position paper of the Society for Magnesium Research e. V.]. Deutsche medizinische Wochenschrift (1946), 145(22), 1628–1634. https://doi.org/10.1055/a-1166-7229
Schwalfenberg, G. K., & Genuis, S. J. (2017). The Importance of Magnesium in Clinical Healthcare. Scientifica, 2017, 4179326. https://doi.org/10.1155/2017/4179326












