Ernährungswissenschaft
24. März 2026

Warum "glutenfrei" nicht automatisch gesünder bedeutet

Thiemo Osterhaus
Lea Jäger

Die Tendenz zur glutenfreien Kost ist nahezu allgegenwärtig; sei es beim Einkaufen, in sozialen Medien oder in Gesundheitspodcasts. Oft wird „glutenfrei“ als gleichbedeutend mit einem umfassend gesunden Lebensstil interpretiert. Im Sportbereich ist diese Entwicklung noch ausgeprägter. Mehr als 41 % der befragten Athletinnen und Athleten, die nicht an Zöliakie leiden, geben an, dass sie sich zumindest größtenteils glutenfrei ernähren, oft in der Hoffnung auf eine Leistungssteigerung oder weniger Entzündungen im Körper (Lis et al., 2015). Es stellt sich jedoch die Frage, ob Gluten für gesunde Menschen tatsächlich schädlich ist. Ein genauerer Blick auf die wissenschaftlichen Fakten hilft dabei, mit einigen Mythen aufzuräumen und fundierte Entscheidungen zu treffen.

Was genau passiert im Körper, wenn Gluten gegessen wird?

Gluten, ein natürliches Speicherprotein (Klebereiweiß), findet sich in Getreidesorten wie Weizen, Roggen und Gerste (Biesiekierski, 2017; Zong et al., 2018). Physiologische Studien zeigen, dass die Aufnahme von Gliadin (ein wesentlicher Bestandteil von Gluten) durch die Zonulin-Ausschüttung die Darmdurchlässigkeit kurzfristig erhöhen kann (Fasano, 2020). Auf den ersten Moment klingt das nach dem gefürchteten „Leaky-Gut-Syndrom“. Ein gesunder Körper mit einem intakten Immunsystem kann diesen Prozess jedoch problemlos tolerieren und regulieren, ohne dass es zu krankhaften Entzündungen kommt (Fasano, 2012).

Warum Klienten dennoch „Erfolge“ berichten

Wenn Klienten nach dem Verzicht auf Gluten von weniger Blähungen oder mehr Fokus berichten, ist dies oft keine Bestätigung für eine Glutenunverträglichkeit. In der Praxis müssen wir drei alternative Mechanismen ausschließen:

1. Der Effekt von FODMAP: Weizen ist reich an Fruktanen (fermentierbare Kohlenhydrate). Bei vielen Klienten mit Reizdarmsymptomatik sind diese FODMAPs – und nicht das Protein Gluten – für die Beschwerden verantwortlich (Skodje et al., 2018). Eine glutenfreie Kost (GFD) maskiert hier oft lediglich eine zugrunde liegende Dysbiose.

2. Die Kraft einer bewussten Ernährung und des Nocebo-Effekts: Wer sich glutenfrei ernährt, isst oft frischer, konsumiert mehr Gemüse und lässt stark verarbeitete Lebensmittel automatisch weg. Dieser Lifestyle-Wechsel allein steigert das Wohlbefinden enorm. Zudem hat die Erwartungshaltung eine große Macht. In doppelblinden, placebokontrollierten klinischen Tests zeigte sich, dass ein großer Teil der Menschen, die von einer eigenen Glutensensitivität überzeugt waren, bei der versteckten Gabe von reinen Placebos genau dieselben "gluten-typischen" Symptome entwickelten (Molina-Infante & Carroccio, 2017).

3. Keine nachweisbare Leistungssteigerung: In sportwissenschaftlichen Tests konnte kein leistungssteigernder Effekt oder eine Reduktion von systemischen Entzündungen durch eine kurzzeitige glutenfreie Diät bei ansonsten gesunden Athletinnen und Athleten nachgewiesen werden (Lis et al., 2015).

Die „dunkle Seite“ des Trends

Als Health Professional solltest du eine präventive GFD ohne Indikation kritisch hinterfragen, da sie messbare Nachteile birgt:

  • Mangel an Nährstoffen: Eine streng glutenfreie Diät kann ärmer an wichtigen Ballaststoffen, Eisen und B-Vitaminen sein, die ansonsten über Vollkornprodukte aufgenommen werden (Lis et al., 2015).
  • Folgen für das Mikrobiom: Die Zahl gesundheitsfördernder Darmbakterien wie Bifidobakterien kann durch eine Reduktion von weizenbasierten, fermentierbaren Kohlenhydraten verringert werden (Algera et al., 2019).
  • Ein gesteigertes Risiko für Diabetes: Große Langzeitstudien haben gezeigt, dass Menschen, die sich extrem glutenarm ernähren, meist auch zu wenig der wertvollen, schützenden Getreideballaststoffe aufnehmen; dies korreliert paradoxerweise mit einem höheren Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken (Zong et al., 2018).

Fazit für die Praxis

Ohne gesicherte Diagnose (Zöliakie, Weizenallergie oder Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (NCGS) gibt es keinen evidenzbasierten Grund, Gluten als generellen „Feind“ aus dem Protokoll zu streichen (Lindfors et al., 2019).

Deine Aufgabe als Professional ist die differenzierte Aufklärung:

  • Nutze valide Diagnostik (Antikörper, Genetik), bevor eine Restriktion beginnt.
  • Priorisiere die Qualität der Kohlenhydrate (Vollkorn, Pseudogetreide, Vielfalt)
  • Fördere die metabolische und immunologische Resilienz, anstatt Klienten in eine unnötige Vermeidungsspirale zu führen.

Anstatt sich von teuren "Glutenfrei"-Labels verunsichern zu lassen, liegt der Schlüssel für Gesundheit und Energie in einer bunten, entzündungshemmenden und pflanzenbasierten Ernährung mit vielen natürlichen Nährstoffen. Auf den eigenen Körper zu hören und bewusste Entscheidungen zu treffen, bleibt das stärkste Tool für ein langfristiges, balanciertes Wohlbefinden!

Thiemo Osterhaus
Thiemo Osterhaus

Als visionärer Gründer von Medletics vereint Thiemo seine medizinische Expertise in der Funktionellen Medizin mit einer tiefgreifenden Dozentenerfahrung. Sein umfassendes Wissen, insbesondere in den Bereichen Prävention und Hormontherapie, ergänzt er durch seine wertvollen praktischen Erfahrungen aus seiner eigenen Praxis.

Sein Motto: 
Lea Jäger
Lea Jäger

Lea ist voller Bereitschaft, ihre Energie und Fähigkeiten in einem Umfeld einzubringen, das ihre Leidenschaft für Gesundheit, Forschung und Innovation teilt. Es liegt ihr besonders am Herzen, aktiv bei ihrer Arbeit zu sein, mit Menschen in Kontakt zu treten, Wissen auszutauschen und einen echten Mehrwert zu schaffen.

Sein Motto: 
Christian Kirchhoff
Christian Kirchhoff

Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

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Quellen

Algera, J., Colomier, E., & Simrén, M. (2019). The dietary management of patients with irritable bowel syndrome: A narrative review of the existing and emerging evidence. Nutrients, 11(9), 2162.

Biesiekierski, J. R. (2017). What is gluten?. Journal of Gastroenterology and Hepatology, 32(Suppl 1), 78-81.

Fasano, A. (2012). Zonulin, regulation of tight junctions, and autoimmune diseases. Annals of the New York Academy of Sciences, 1258(1), 25–33.

Fasano, A. (2020). All disease begins in the (leaky) gut: role of zonulin-mediated gut permeability in the pathogenesis of some chronic inflammatory diseases. F1000Research, 9, 69.

Lindfors, K., Ciacci, C., Kurppa, K., Lundin, K. E. A., Makharia, G. K., Mearin, M. L., Murray, J. A., Verdu, E. F., & Kaukinen, K. (2019). Coeliac disease. Nature Reviews Disease Primers, 5(1), 3.

Lis, D., Stellingwerff, T., Kitic, C. M., Ahuja, K. D. K., & Fell, J. (2015). No effects of a short-term gluten-free diet on performance in nonceliac athletes. Medicine & Science in Sports & Exercise, 47(12), 2563-2570.

Lis, D., Stellingwerff, T., Shing, C. M., Ahuja, K. D. K., & Fell, J. (2015). Exploring the popularity, experiences and beliefs surrounding gluten-free diets in non-coeliac athletes. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 25(1), 37-45.

Molina-Infante, J., & Carroccio, A. (2017). Suspected nonceliac gluten sensitivity confirmed in few patients after gluten challenge in double-blind, placebo-controlled trials. Clinical Gastroenterology and Hepatology, 15(3), 339-348.

Skodje, G. I., Sarna, V. K., Minelle, I. H., Rolfsen, K. L., Muir, J. G., Gibson, P. R., Veierød, M. B., Henriksen, C., & Lundin, K. E. A. (2018). Fructan, rather than gluten, induces symptoms in patients with self-reported non-celiac gluten sensitivity. Gastroenterology, 154(3), 529-539.e2.

Zong, G., Lebwohl, B., Hu, F. B., Sampson, L., Dougherty, L. W., Willett, W. C., Chan, A. T., & Sun, Q. (2018). Gluten intake and risk of type 2 diabetes in three large prospective cohort studies of US men and women. Diabetologia, 61(10), 2164-2173.

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