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Mentale Gesundheit
17. März 2023

Wie du Reframing als powervolles Tool für deine Coachings nutzen kannst

Vanessa Heun

Probleme tauchen immer wieder auf - auch in Coachings stellen sie Coach und Coachee oftmals vor Herausforderungen. Daher wäre es doch genial, wenn es ein simples Tool gäbe, mit dem du die Probleme deiner Klienten im Nu aus der Welt schaffen oder sie sogar als Chance "umpolen" könntest... Neugierig? Dann lies weiter!

Der Begriff “Reframing” leitet sich von dem englischen Wort „Frame“ ab, was so viel wie „Rahmen“ bedeutet. Reframing wird in der Psychologie als Umdeutung bezeichnet. Das heißt, dass du deinem Gegenüber dabei hilfst, die Dinge in einen neuen Rahmen zu setzen.
Ein Ereignis, eine Aussage, ein Verhalten, ein Glaubenssatz oder auch ein Reiz hängt immer vom Kontext – also vom Rahmen ab – in dem wir dieses Ereignis erleben. Reframing bedeutet, einen neuen Rahmen zu bauen und so dem Ereignis bzw. dem Glaubenssatz eine neue Bedeutung zu geben. So wie ein Bild in einem anderen Rahmen ganz anders zur Wirkung kommen kann, kann auch ein Gedanke oder eine Einstellung in einem anderen Kontext eine ganz andere Wirkung entfalten.
Wird ein Problem reframed, dann bekommt dasselbe Ereignis bzw. dieser Gedanke eine neue Bedeutung. Das macht den Weg frei für Verhaltensänderung – denn das Problem wird auf einmal in einem ganz anderen Licht gesehen und neue Lösungswege können entdeckt werden.

Reframing bezeichnet also den Prozess des Umdeutens, des Einnehmens einer neuen Perspektive, einer neuen Art der Wahrnehmung oder einer neuen Interpretation. Ales Coach ist es deine Aufgabe, den Klienten dabei anzuleiten, ihn bei der Reflexion zu unterstützen und an die neuen Problemlösestrategien heranzuführen.

Reframing in der Praxis

Für ein besseres Verständnis gebe ich dir ein Beispiel aus meiner Arbeit.
Meine Klientin – nennen wir sie Katja – kocht vor Wut, als sie mir ihr Anliegen schildert. Sie sitzt vor mir, ihre Schultern knapp unter ihren Ohren, voller Anspannung und während sie spricht fliegen ihre Hände regelrecht von links nach rechts. Ihre Worte sind hart, aber ich höre auch ihre Enttäuschung heraus.
Ihr langjähriger Trainingspartner – sie ist eine professionelle Tänzerin – stellt ihre weitere Zusammenarbeit in Frage. Er habe ihr beiläufig gesagt, dass für ihn die Zusammenarbeit nicht mehr passt. Dass der gemeinsame Spirit, die Connection aus den Anfangsjahren nicht mehr da ist. Sie hätten sich weiterentwickelt und dabei habe er festgestellt, dass er sich umorientieren möchte. Das sei ihm selbst erst vor Kurzem klar geworden und er wisse auch noch nicht genau, wie es für ihn weitergehen soll.

Katja ist schockiert und wütend zugleich. Sie fühlt sich regelrecht vor den Kopf gestoßen. Was für ein unreifes Verhalten, ihr das einfach so an den Kopf zu werfen, so nebenbei mal die Partnerschaft in Frage zu stellen und sie vor vollendete Tatsachen zu stellen! Allein beim Erzählen des Vorfalls wird ihr wieder so heiß, ich sehe, wie ihr Kopf wieder hochrot anläuft.

Unter ihrem Ärger über diese unfaire Art sei aber auch Traurigkeit, sagt sie mir – und Angst. Sie sackt in sich zusammen, ihr Blick ist Richtung Boden gerichtet, ihre Schultern fallen nach vorne, die ganze Spannung scheint ihren Körper zu verlassen. Sie fühlt sich, als wenn man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Wie kann er ihr das nach sechs Jahren Zusammenarbeit antun? Sie damit einfach überfallen und alleine stehen lassen? Katja regt sich schon wieder auf, die Anspannung kehrt zurück. Sie unterbricht sich selbst in ihrem Monolog und schaut mich großen Augen erwartungsvoll an.

Was habe ich Katja in diesem Moment gesagt? Meine Antwort war in etwa diese: „Man könnte es auch so sehen: Mutig von ihm, das auszusprechen! Das ist ihm bestimmt nicht leicht gefallen und ich kann mir denken, dass er dich damit nicht verletzen wollte. Allein dass er so ehrlich war, kann die Dynamik doch schon wieder völlig verändern. Ihr beide entwickelt euch weiter und das scheint er erkannt zu haben. Vielleicht könnt ihr diesen “Tiefpunkt” nutzen und herausfinden, was ihr beide voneinander und von eurer Karriere erwartet. Vielleicht findet ihr ja heraus, dass ihr doch noch die gleichen Ziele anstrebt. Und wenn nicht, dann habt ihr zumindest Klarheit geschaffen.“
Katja starrt mich sprachlos an. Ich nutze ihre Stille und bringe meinen Gedanken zu Ende: „Aussprechen ist der wichtigste Schritt – dann lässt sich damit arbeiten. Dieses Gespräch war mit Sicherheit auch nicht einfach für ihn. Ich finde es gut, dass er es anscheinend nicht lange herausgezögert, sondern seine Gedanken und Bedürfnisse direkt mitgeteilt hat. Damit lädt er dich doch dazu ein, gemeinsam zu reflektieren und zu evaluieren, ob die Zusammenarbeit etwas ist, was für eure beiden Ziele noch sinnvoll ist. Das kannst du also auch als Geschenk sehen.“

Wie es im Coaching dann weiterging? Katja war still und das Rattern im Kopf fast hörbar. So hatte sie das noch nicht gesehen. Aber mithilfe dieser Betrachtung, wurde aus dem dreisten, unfairen Verhalten plötzlich ein wichtiger Schritt für das Weiterentwickeln ihres Duos – und vielleicht auch für ihre Karrieren.

So funktioniert „Reframing“ – etwas in einen anderen Kontext setzen und damit die Bedeutung verändern.

Wenn ein Problem auftaucht, kann man es entweder stur versuchen nur auf eine Art und Weise zu lösen oder indem man sich fragt, in welchem anderen Kontext das Problem sinnvoll wäre oder vielleicht sogar eine gute Lösung erkennbar wird.
Das klingt vielleicht paradox, aber wie das Beispiel zeigt, ist es gar nicht so schwer, einen „Frame“ zu ändern. Dieses Reframing klappt in jeder Lebenslage, in jedem Coaching. Sei es im Sport, in der Ernährung oder in anderen Bereichen der Gesundheit. Bedeutung oder Sinn werden von den Beobachtenden konstruiert. Je nachdem in welchem Kontext eine Aussage gesetzt wird, bekommt sie eine andere Bedeutung. Dieser Vorgang läuft meist unbewusst ab und führt dazu, dass angebliche Wahrheiten und Probleme entstehen, die „eben so sind“.

Im Coaching lässt sich Reframing daher wunderbar nutzen, um Bedeutung zu verändern. Große Probleme werden plötzlich klein oder sogar zur Chance, ein tieferliegendes Problem bei den Hörnern zu packen.

Wie kannst du Reframing nun in deinem Coaching einsetzen?

  1. Frage nach dem Problem. Klingt logisch, aber warum ist es ein Problem für den Coachee?
  2. Unterstütze dann bei der Suche, in welchen Kontexten das Problem vielleicht kleiner ist und welche positiven Funktionen das Problem für den Coachee haben könnte ( Probleme und Schwierigkeiten haben im Kern immer auch einen Nutzen. Bekomme ich dadurch mehr Aufmerksamkeit? Kann ich es als Ausrede benutzen?).
  3. Frage dann, welche dieser Funktionen oder Kontexte besonders passend erscheinen und was der Coachee tun kann, um diese positiven Funktionen und Kontexte zu nutzen. Was sind ganz konkrete Schritte, um diese neue Sichtweise zu festigen?

Tipp: Es ist hilfreich, wenn du als Coach die systemische Haltung der Neugierde und des Nicht-Wissens einnimmst. Auch wenn du als Experte eine Meinung darüber hast, welche Funktion oder welcher Kontext „der passendste“ wäre – behalte es für dich! Der Coachee weiß es am besten und muss daher selbst auf die Antwort kommen, um diesen Lösungsweg auch annehmen zu können.

Als erfolgreicher Coach ist es das A & O in allen notwendigen Ebenen kompetent zu sein – egal ob Ernährungsberater, Trainer, Mental Coach oder oder – für langfristige und vor allem nachhaltige Erfolge solltest du ein ganzheitliches Verständnis besitzen in allen relevanten Themen: Ernährung, Training, Psychologie und Medizin. Wenn du in diesen Bereichen noch dazu lernen möchtest und dich mit Gleichgesinnten in einer stetig wachsenden Community austauschen möchtest, dann schau gerne bei uns in der Medletics Academy vorbei – kannst du dir ein erstes Beratungsgespräch buchen, damit wir gemeinsam besprechen können, ob unsere Ausbildung zum Health Coach für dich geeignet wäre.

Wir freuen uns, dich und deine individuellen Herausforderungen kennenzulernen!

Vanessa Heun
Vanessa Heun

Als Psychologin, die sich auf die Arbeit mit Schmerzpatienten spezialisiert hat, bringt Vanessa ein umfassendes Wissen in den Bereichen mentale Gesundheit, Resilienz, Stressmanagement und Kommunikation ein. Ihre Erkenntnisse aus dem klinischen Alltag bereichern ihr Fachgebiet mit praktischen und tiefgreifenden Einsichten.

Sein Motto: 
Christian Kirchhoff
Christian Kirchhoff

Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

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Christian Kirchhoff

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Thiemo Osterhaus
Christian Kirchhoff

Christian ist Teil unseres Research Teams und beschäftigt sich täglich mit wissenschaftlichen Arbeiten und Studien. Er interessiert sich für das „Warum“ – also die Argumentationskette - hinter den Dingen und bereitet aktuelle Daten für Trainer, Therapeuten und Ärzte so auf, dass ihnen der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis gelingt.

Quellen:

  1. Miller, W.R., Rollnick, S. (2015). Motivierende Gesprächsführung: Motivational Interviewing: 3. Auflage des Standardwerks in Deutsch. Lambertus-Verlag.
  2. Greve, N. (2013). Reframing. In: Techniken der Psychotherapie. Ein methodenübergreifendes Kompendium. Stuttgart. S. 101 ff.
  3. Michalek, C. (2014). Systemische Interventionen in Coachingprozessen. Hamburg. S. 104 f.


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