Stagnierende Gewichstabnahme

Viele Menschen beginnen eine Diät mit klarer Zielsetzung: Gewicht reduzieren, gesünder leben und sich fitter fühlen. Zu Beginn stellt sich oft ein schneller Erfolg ein – die Waage zeigt nach unten, die Motivation steigt. Doch irgendwann folgt bei fast allen der Moment, an dem das Gewicht trotz konsequenter Bemühungen stagniert. Dieser sogenannte „Plateau-Effekt“ ist nicht nur für Betroffene frustrierend, sondern auch für Health Professionals eine Herausforderung. Denn hinter einer stagnierenden Gewichtsabnahme steckt in vielen Fällen mehr als eine zu hohe Kalorienzufuhr.
Der menschliche Körper ist ein hochkomplexes System, das auf Veränderungen in Energiezufuhr und -verbrauch mit vielschichtigen Anpassungen reagiert. Diese reichen von unbewussten Veränderungen im Bewegungsverhalten über hormonelle Regulationen bis hin zu Anpassungen auf zellulärer Ebene. Während ein Kaloriendefizit theoretisch zu einer kontinuierlichen Abnahme führen müsste, sorgt die biologische Realität dafür, dass Gewichtsstagnation ein natürlicher Schutzmechanismus ist. Für Coaches und Therapeut:innen bedeutet das: Nur wer diese Mechanismen versteht, kann Klient:innen effektiv durch Phasen der Stagnation begleiten.
In diesem Artikel gehen wir den zentralen Fragen nach: Warum stagniert die Gewichtsabnahme? Welche physiologischen Prozesse spielen eine Rolle? Und wie können Health Professionals mit wissenschaftlich fundierten Strategien gegensteuern, um ihre Klient:innen nachhaltig beim Abnehmen zu unterstützen?
Kalorienbilanz ist nicht gleich Kaloriendefizit
Einer der am häufigsten unterschätzten Gründe für eine stagnierende Gewichtsabnahme liegt in der Diskrepanz zwischen gefühltem und tatsächlichem Kaloriendefizit. Während die Theorie klar scheint – wer mehr Energie verbraucht als er zuführt, nimmt ab – sieht die Praxis deutlich komplexer aus. Studien haben mehrfach gezeigt, dass Menschen ihre Energieaufnahme oft erheblich unterschätzen. Eine der bekanntesten Arbeiten hierzu stammt von Lichtman und Kolleg:innen (1992), die zeigen konnten, dass übergewichtige Proband:innen ihre Kalorienzufuhr um durchschnittlich 47 % zu niedrig angaben, während sie ihre körperliche Aktivität um 51 % überschätzten. Diese Diskrepanz führt dazu, dass subjektiv ein Defizit empfunden wird, objektiv aber ein kalorisches Gleichgewicht oder sogar Überschuss besteht.
Ein weiterer Aspekt ist die „unsichtbare Kalorienzufuhr“. Kalorienquellen wie das Öl zum Anbraten, die Handvoll Nüsse zwischendurch oder das Glas Saft beim Frühstück werden häufig nicht berücksichtigt. Gerade bei Lebensmitteln mit hoher Energiedichte kann die Abweichung schnell mehrere hundert Kilokalorien pro Tag betragen – genug, um ein rechnerisches Defizit vollständig aufzuheben. Hinzu kommt, dass viele Diät-Apps oder Ernährungstagebücher nur Näherungswerte liefern. Schon kleine Ungenauigkeiten bei Portionsgrößen oder Zubereitungsarten können den Unterschied zwischen Defizit und Erhaltungsniveau ausmachen.
Auch psychologische Faktoren spielen eine Rolle: Menschen tendieren dazu, ihr Essverhalten sozial erwünscht darzustellen oder unbewusst zu „vergessen“, was sie tatsächlich gegessen haben. Das sogenannte Underreporting ist in der Ernährungsforschung ein gut dokumentiertes Phänomen und tritt besonders häufig bei Personen auf, die mit ihrem Gewicht unzufrieden sind. Für Health Professionals bedeutet dies, dass sie ihre Klient:innen für diese Selbstwahrnehmungsverzerrung sensibilisieren müssen. Praktische Ansätze sind etwa die Arbeit mit Foto-Tagebüchern, die genaue Abmessung von Portionen mit einer Küchenwaage oder zeitlich befristetes, detailliertes Tracking der Mahlzeiten, um ein realistisches Bild des tatsächlichen Konsums zu erhalten.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Dynamik der Energiebilanz. Selbst wenn ein Defizit vorliegt, gleicht sich der Körper im Verlauf durch Anpassungen an. Sinkt die Körpermasse, reduziert sich automatisch auch der Gesamtenergieverbrauch, weil weniger Gewebe aufrechterhalten und bewegt werden muss. Ein Mensch, der mit 95 Kilogramm Körpergewicht täglich 2.600 Kilokalorien verbraucht, verbrennt nach einer Reduktion auf 85 Kilogramm möglicherweise nur noch 2.200 Kilokalorien – bei identischer Aktivität. Ein gleichbleibendes Essverhalten kann somit aus einem Defizit rasch eine neutrale Bilanz machen.
Zusammenfassend zeigt sich: Ein „gefühltes“ Defizit ist nicht gleichzusetzen mit einem tatsächlichen Defizit. Für den nachhaltigen Abnehmerfolg ist eine ehrliche, möglichst objektive Erfassung der Energiezufuhr und -verwertung unerlässlich. Coaches sollten daher sowohl methodische Hilfsmittel einsetzen als auch die psychologische Komponente im Blick behalten, um eine realistische Einschätzung zu fördern.
NEAT – wenn Alltagsbewegung sinkt
Ein weiterer entscheidender Faktor, der häufig übersehen wird, ist die unbewusste Reduktion des Energieverbrauchs durch den Rückgang des NEAT (Non-Exercise Activity Thermogenesis). Unter NEAT versteht man alle Bewegungen, die nicht gezielt als Training geplant sind. Das sind Tätigkeiten wie Gehen, Stehen, Treppensteigen, Gestikulieren oder auch das unbewusste „Zappeln“ mit Händen und Füßen. Dieser Anteil am Gesamtenergieverbrauch kann überraschend hoch sein: Bei manchen Menschen macht NEAT bis zu 15–30 % des täglichen Kalorienverbrauchs aus (Levine, 2002).
Sobald jedoch weniger Energie über die Ernährung zugeführt wird, reagiert der Körper auf subtile Weise: Er spart an Stellen, die uns kaum auffallen. Klient:innen sitzen länger, vermeiden Umwege, bewegen sich weniger spontan oder verzichten unbewusst auf kleine körperliche Aktivitäten. Auch die thermische Komponente von NEAT, also die Wärmeproduktion durch Muskelaktivität, geht zurück. Dadurch sinkt der Gesamtenergieverbrauch teils erheblich – ohne dass eine bewusste Veränderung im Verhalten wahrgenommen wird. Untersuchungen zeigen, dass die Unterschiede im NEAT-Verhalten zwischen Personen mit vergleichbarer Kalorienaufnahme mehrere hundert Kilokalorien täglich betragen können. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn das Training konsequent durchgeführt wird, kann der Alltag insgesamt bewegungsarmer werden. Dadurch wird das ursprünglich geplante Defizit neutralisiert. Besonders kritisch ist dieser Mechanismus in langen Diätphasen, wenn die Motivation hoch bleibt, die Waage aber dennoch stagniert.
Health Professionals können hier aktiv gegensteuern, indem sie Bewusstsein für NEAT schaffen und konkrete Strategien etablieren. Schrittzähler oder Smartwatches eignen sich, um Alltagsbewegung messbar zu machen und klare Ziele (z. B. 8.000–12.000 Schritte pro Tag) vorzugeben. Kleine Interventionen wie regelmäßige Stehpausen, kurze Spaziergänge nach den Mahlzeiten oder die bewusste Wahl der Treppe anstelle des Aufzugs summieren sich zu einem erheblichen Beitrag für den täglichen Energieverbrauch. Darüber hinaus ist es hilfreich, Klient:innen für die individuellen Unterschiede in der spontanen Bewegung zu sensibilisieren: Während manche Menschen auch in einer Diätphase unruhig bleiben und durch kleine Bewegungen Energie verbrennen, fallen andere in eine fast lethargische Sparhaltung.
Besonders spannend ist, dass NEAT stark durch das zentrale Nervensystem gesteuert wird und somit eng mit hormonellen Prozessen verbunden ist. Ein Kaloriendefizit führt dazu, dass der Hypothalamus verstärkt „Energiesparen“ signalisiert, was die Bewegungsbereitschaft unbewusst drosselt. Dieses Phänomen zeigt, wie tiefgreifend die körperlichen Anpassungen im Rahmen einer Gewichtsreduktion sind – und warum es nicht ausreicht, nur die Kalorienbilanz auf dem Papier zu betrachten. In der Gesamtschau verdeutlicht NEAT, dass der Körper über hochwirksame Mechanismen verfügt, um Energieverluste zu kompensieren. Wer Klient:innen langfristig erfolgreich durch eine Abnehmphase führen möchte, muss deshalb auch diese Anpassungen berücksichtigen und Strategien entwickeln, um den Alltagsenergieverbrauch hochzuhalten.
Metabolische Adaption & Hormonelle Dysbalancen
Eines der zentralen physiologischen Phänomene bei stagnierender Gewichtsabnahme ist die sogenannte metabolische Adaption. Damit ist die Fähigkeit des Körpers gemeint, sich an eine längerfristig reduzierte Energiezufuhr anzupassen und den Energieverbrauch so weit herunterzufahren, dass selbst ein bestehendes Defizit nicht mehr die erwartete Gewichtsreduktion erzielt. Evolutionsbiologisch betrachtet handelt es sich um einen Überlebensmechanismus. In Zeiten von Nahrungsmangel sichert diese Anpassung das Überleben, indem sie den Energieverbrauch minimieren und die knappen Ressourcen effizienter nutzt. Für Menschen, die heute Gewicht verlieren wollen, ist diese Schutzfunktion jedoch ein Hindernis.
Die metabolische Adaption betrifft mehrere Ebenen des Energiestoffwechsels. Zunächst sinkt der Grundumsatz (Resting Metabolic Rate, RMR). Das ist die Energiemenge, die der Körper in Ruhe für lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Kreislauf oder Zellaktivität benötigt. Untersuchungen zeigen, dass dieser Rückgang über das hinausgeht, was allein durch den Verlust an Körpermasse erklärbar wäre. Rosenbaum und Leibel (2010) sprechen in diesem Zusammenhang von einer „adaptiven Thermogenese“: Selbst wenn zwei Personen gleich viel wiegen, verbraucht diejenige, die durch Diäten Gewicht verloren hat, weniger Energie als eine Person mit natürlicherweise niedrigerem Gewicht. Dieser Effekt kann mehrere hundert Kilokalorien pro Tag betragen.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die endokrine Regulation. Bei längerer Energierestriktion werden Schilddrüsenhormone, insbesondere Trijodthyronin (T3), reduziert. Diese Hormone steuern den Stoffwechsel maßgeblich, sodass ihre Abnahme eine deutliche Senkung der Stoffwechselrate bewirkt. Parallel sinkt das sympathische Nervensystem in seiner Aktivität – die Ausschüttung von Noradrenalin und Adrenalin nimmt ab, wodurch der Energieverbrauch weiter reduziert wird (Rosenbaum et al., 2008). Gleichzeitig verändern sich Hunger- und Sättigungshormone: Leptinwerte fallen, was ein Signal für Energiemangel an das Gehirn ist, während Ghrelin, das „Hungerhormon“, ansteigt. Auch Cortisol, das klassische „Stresshormon“, hat erheblichen Einfluss. Chronisch erhöhte Cortisolspiegel, sei es durch psychischen Stress oder unzureichenden Schlaf, fördern die Fettspeicherung – insbesondere im Bauchraum – und erhöhen gleichzeitig das Verlangen nach energiedichten Lebensmitteln. Cortisol beeinflusst außerdem die Insulinsensitivität negativ und trägt so zu einer erschwerten Glukoseverwertung bei. Dies kann dazu führen, dass der Körper vermehrt Energie in Fettdepots speichert, anstatt diese zur Verfügung zu stellen (Epel et al., 2000).
Nicht zuletzt spielt Insulin eine zentrale Rolle. Ein physiologischer Insulinanstieg nach Mahlzeiten ist normal und notwendig, um Glukose in die Zellen zu transportieren. Bei Insulinresistenz – häufig begünstigt durch Übergewicht, Bewegungsmangel oder chronische Entzündungen – verlieren die Zellen jedoch ihre Sensitivität gegenüber Insulin. Die Folge ist ein dauerhaft erhöhter Insulinspiegel, der die Lipolyse hemmt und die Mobilisierung von Fettsäuren erschwert. Damit wird Fettabbau trotz Kaloriendefizit deutlich schwieriger (Kahn & Flier, 2000).
In der Praxis äußern sich hormonelle Dysbalancen oft in Symptomen wie starkem Heißhunger, energielosen Phasen, unregelmäßigen Menstruationszyklen oder einer auffälligen Fettverteilung im Bauchbereich. Für Health Professionals ist es daher entscheidend, nicht nur die reine Kalorienbilanz zu betrachten, sondern auch den hormonellen Kontext ihrer Klient:innen. Strategien wie eine Erhöhung der Schlafqualität, die Reduktion von chronischem Stress, ein zyklusorientiertes Coaching bei Frauen oder die Förderung der Insulinsensitivität durch Bewegung und gezielte Ernährungsstrategien können helfen, hormonelle Dysbalancen zu mildern und den Fettabbau wieder in Gang zu bringen.
In der Praxis zeigt sich die metabolische Adaption oft dadurch, dass Klient:innen trotz disziplinierter Ernährung und regelmäßigem Training plötzlich keine Fortschritte mehr erzielen. Selbst wenn das Kalorienziel rechnerisch auf einem Defizitniveau liegt, kompensiert der Körper durch reduzierte Stoffwechselaktivität, weniger spontane Bewegung und hormonelle Anpassungen.
Für Health Professionals bedeutet das, dass eine rein lineare Reduktion der Kalorienzufuhr selten langfristig erfolgreich ist. Strategien wie „Diet Breaks“ (kurzzeitige Rückkehr auf Erhaltungsniveau) oder Refeed-Tage mit erhöhtem Kohlenhydratanteil können helfen, die Stoffwechselrate zu stabilisieren und hormonelle Signale wie Leptin temporär anzuheben (Trexler et al., 2014). Auch ein zyklischer Wechsel aus Diät- und Erhaltungsphasen kann sinnvoll sein, um die Belastung für den Organismus zu reduzieren und die Compliance langfristig zu erhöhen. Darüber hinaus ist es wichtig, nicht ausschließlich über die Waage zu evaluieren: Veränderungen in Körperzusammensetzung, Kraft oder Wohlbefinden können ein besseres Bild der tatsächlichen Fortschritte liefern.
Hormonelle Dysbalancen
Neben der allgemeinen metabolischen Anpassung spielen hormonelle Veränderungen eine zentrale Rolle dabei, warum die Gewichtsabnahme ins Stocken gerät. Hormone sind biochemische Botenstoffe, die nahezu jeden Aspekt des Energiestoffwechsels steuern – von Appetit und Sättigung über die Speicherung und Mobilisierung von Fett bis hin zur Regulation des Blutzuckerspiegels. Gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht, kann ein bestehendes Kaloriendefizit seine Wirkung teilweise oder vollständig verlieren.
Ein besonders bedeutendes Hormon im Kontext der Gewichtsregulation ist Leptin. Es wird vor allem im Fettgewebe gebildet und signalisiert dem Hypothalamus, wie viel Energie als Fettreserve gespeichert ist. Sinkt das Körperfett durch eine Diät, fällt auch die Leptinkonzentration im Blut. Der Körper interpretiert diesen Rückgang als Warnsignal für Energiemangel: Appetit und Hunger steigen, während gleichzeitig der Energieverbrauch sinkt. Rosenbaum und Kollegen (2002) konnten zeigen, dass ein verringerter Leptinspiegel direkt mit einer Abnahme des Grundumsatzes und einer geringeren Thermogenese verbunden ist. Für Menschen in einer Diät bedeutet das: Je länger das Defizit anhält, desto stärker kämpft der Körper mit einem regelrechten „Anti-Abnehm-Programm“. Parallel dazu steigt das Hormon Ghrelin, das im Magen produziert wird und ein starkes Hungersignal an das Gehirn sendet. Ghrelin ist vor allem dafür bekannt, den Appetit kurz vor den Mahlzeiten zu steigern, bleibt bei längerfristigen Diäten jedoch auf einem erhöhten Niveau. Dies führt zu einer dauerhaften Zunahme des Hungergefühls, was das Einhalten eines Defizits zunehmend erschwert (Cummings et al., 2002).
Zusammenfassend zeigt sich: Hormone haben einen extremen Einfluss auf die Körperzusammensetzung. Bei stagnierender Gewichtsabnahme sollte daher immer geprüft werden, ob hormonelle Faktoren limitierend sein könnten und wie sie durch Lebensstilinterventionen positiv beeinflusst werden können.
Mikronährstoffmängel
Während Kalorien und Makronährstoffe wie Kohlenhydrate, Fette und Proteine im Zentrum vieler Diätprogramme stehen, werden die Mikronährstoffe häufig unterschätzt. Doch Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente sind für zahlreiche Stoffwechselprozesse unverzichtbar – darunter viele, die direkt den Fettabbau, die Energiebereitstellung und die hormonelle Regulation betreffen. Ein Mangel kann daher trotz Kaloriendefizit zum Stillstand der Gewichtsabnahme führen. Besonders relevant sind hier Eisen, Zink, Jod, Magnesium sowie verschiedene B-Vitamine. Eisen beispielsweise ist ein essenzieller Bestandteil der mitochondrialen Enzyme, die für die Fettsäureoxidation verantwortlich sind. Fehlt Eisen, kann die Fähigkeit der Mitochondrien, Fettsäuren in Energie umzuwandeln, stark eingeschränkt sein (Beard & Tobin, 2000). Betroffene fühlen sich nicht nur müde und energielos, sondern ihr Körper hat biochemisch schlichtweg weniger Kapazität, Fett als Energiequelle zu nutzen.
Zink wiederum ist entscheidend für die Funktion der Schilddrüse. Es beeinflusst die Umwandlung von Thyroxin (T4) in die aktive Form Trijodthyronin (T3). Ein Zinkmangel kann also zu einem funktionellen Schilddrüsendefizit führen, was den Grundumsatz senkt und die Fettverbrennung hemmt (Maxwell & Volpe, 2007). Ein ähnlicher Mechanismus gilt für Jod, das als Baustein der Schilddrüsenhormone benötigt wird. Bei unzureichender Jodzufuhr kann die Schilddrüse nicht genügend Hormone produzieren, was sich direkt auf den Energieverbrauch auswirkt.
Auch Magnesium spielt eine wichtige Rolle. Es ist an über 300 enzymatischen Reaktionen beteiligt, darunter an der ATP-Produktion, also der „Energie-Währung“ der Zellen. Ein chronischer Magnesiummangel fördert oxidativen Stress und Entzündungen, die wiederum mit Insulinresistenz und verringerter Testosteronproduktion in Verbindung gebracht werden – beides Faktoren, die den Fettabbau behindern können (Maggio et al., 2014).
Die B-Vitamine, insbesondere B6, B12 und Folsäure, sind für den Energiestoffwechsel zentral. Sie wirken als Coenzyme in Reaktionen, die den Abbau von Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen ermöglichen. Ein Mangel kann nicht nur die Stoffwechseleffizienz herabsetzen, sondern auch Symptome wie Müdigkeit, Stimmungsschwankungen oder eine verringerte kognitive Leistungsfähigkeit verursachen – was die Diätadhärenz zusätzlich erschwert.
Für Health Professionals bedeutet das, dass eine reine Kalorienbilanz nicht ausreicht, um den Erfolg einer Gewichtsreduktion zu beurteilen.
Eine gezielte Betrachtung der Mikronährstoffversorgung kann entscheidend sein, um Blockaden im Fettstoffwechsel zu erkennen. Praktisch umgesetzt werden kann dies durch Ernährungsprotokolle, die Analyse der Lebensmittelauswahl oder – bei Verdacht auf Defizite – durch eine labordiagnostische Abklärung. Ergänzend können gezielte Supplementierungen oder eine optimierte Lebensmittelauswahl empfohlen werden.
Entzündungen und Darmgesundheit
Ein oft unterschätzter Faktor bei stagnierender Gewichtsabnahme sind chronische, niedriggradige Entzündungen, auch als „silent inflammation“ bezeichnet. Diese entstehen häufig durch Übergewicht selbst, eine unausgewogene Ernährung oder Stress. Entzündungsmediatoren wie TNF-α und IL-6 beeinträchtigen die Insulinsensitivität, was die Glukoseaufnahme in die Zellen verschlechtert und die Lipolyse hemmt. Damit wird die Mobilisierung von Fettsäuren erschwert, obwohl ein Kaloriendefizit besteht (Gregor & Hotamisligil, 2011).
Eng damit verbunden ist die Darmgesundheit. Das intestinale Mikrobiom beeinflusst nicht nur die Verdauung, sondern auch die Regulation von Hunger- und Sättigungshormonen über die Darm-Hirn-Achse. Dysbalancen im Mikrobiom („Dysbiosen“) können zu einer verstärkten Energieaufnahme aus der Nahrung, erhöhter Entzündungsaktivität und veränderten Appetitregulationen führen (Valdes et al., 2018).
Für Health Professionals bedeutet das: Eine entzündungsarme, ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse, Omega-3-Fettsäuren und probiotischen Lebensmitteln kann nicht nur das Mikrobiom positiv beeinflussen, sondern auch den Fettabbau erleichtern.
Schlaf und Stress
Wenn die Gewichtsabnahme trotz disziplinierter Ernährung stagniert, sollten immer auch die beiden Faktoren Schlaf und Stress überprüft werden. Beide wirken eng zusammen und entfalten über das Hormonsystem tiefgreifende Effekte auf Appetit, Stoffwechsel und Regeneration.
Bereits wenige Nächte mit Schlafdefizit reichen aus, um den Hormonhaushalt messbar aus dem Gleichgewicht zu bringen. Spiegel und Kolleg:innen (2004) konnten zeigen, dass schon zwei Nächte mit reduzierter Schlafdauer die Leptinspiegel senken und gleichzeitig Ghrelin erhöhen. Das Ergebnis: gesteigerter Appetit, insbesondere auf energiedichte und kohlenhydratreiche Lebensmittel. Parallel verschlechtert sich die Glukosetoleranz, was bedeutet, dass die Verarbeitung von Kohlenhydraten ineffizienter wird – ein Risikofaktor für Insulinresistenz. Langfristig führt chronischer Schlafmangel nicht nur zu einem erhöhten Hungergefühl, sondern begünstigt auch die Einlagerung von Fettreserven.
Stress verstärkt diese Problematik. Unter chronischem Stress wird das Stresshormon Cortisol dauerhaft erhöht ausgeschüttet. Kurzfristig ist Cortisol sinnvoll, weil es Energie bereitstellt, doch dauerhaft hohe Spiegel haben gleich mehrere ungünstige Effekte: Sie erhöhen die Fettspeicherung, vor allem im viszeralen Bereich, fördern Heißhunger und beeinträchtigen die Muskelregeneration (Epel et al., 2000). Zudem steht ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel in engem Zusammenhang mit Insulinresistenz und niedriggradigen Entzündungen – zwei Prozesse, die den Fettabbau zusätzlich behindern.
In der Praxis zeigt sich dies oft bei Klient:innen, die augenscheinlich „alles richtig machen“, also ausgewogen essen, regelmäßig trainieren und dennoch nicht abnehmen. Häufig arbeiten sie in stressreichen Jobs, schlafen weniger als sieben Stunden pro Nacht oder haben keine ausreichenden Erholungsphasen. Für Health Professionals ist es deshalb entscheidend, auch diese Lebensstilfaktoren aktiv in die Betreuung einzubeziehen. Schlafhygiene (z. B. feste Zubettgehzeiten, Vermeidung von Bildschirmlicht am Abend), Stressmanagement (z. B. Atemtechniken, Meditation, Pausenplanung) und ein ausgewogenes Verhältnis von Training und Regeneration sind zentrale Stellschrauben.
Fazit
Eine stagnierende Gewichtsabnahme ist selten ein Zeichen mangelnder Disziplin, sondern das Ergebnis komplexer Anpassungen des Körpers. Neben der oft unterschätzten Kalorienaufnahme spielen auch unbewusste Einsparungen im Energieverbrauch (NEAT), eine metabolische Adaption mit sinkendem Grundumsatz sowie hormonelle Veränderungen eine entscheidende Rolle. Hinzu kommen Faktoren wie Mikronährstoffmängel, chronische Entzündungen, eine gestörte Darmgesundheit sowie Schlaf- und Stressdefizite, die den Fettabbau zusätzlich erschweren können.
Für Health Professionals bedeutet das: Erfolgreiche Begleitung muss ganzheitlich sein. Neben einer präzisen Betrachtung von Ernährung und Bewegung sollten auch Hormonbalance, Mikronährstoffe sowie Stress- und Schlafmanagement berücksichtigt werden.
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